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Interview mit Ole Schwabe für die Bella triste #47, geführt im Januar 2017

Welche Rollen spielen für dich Klassifizierungen wie “biographisch”, “fiktional” oder “authentisch”? Verwendest du solche Labels, wenn du über Texte sprichst?

Ich habe erst während des Studiums angefangen, mit anderen über Texte zu sprechen, und am DLL waren diese Labels – nach meinem Eindruck jedenfalls – so verpönt, dass sie fast zu Tabus wurden. Text war Text; wer gefragt hat, wo der herkommt, wie er genau entstanden ist, ob er auf erdachtem oder erlebtem oder geklautem Material fußt, der disqualifizierte sich als indiskreter Laienleser.
Es gab diese diffusen Kategorien wie „Das ist doch Tagebuch“ auf der einen und „Das ist doch Genre“ auf der anderen Seite der Skala, und das finde ich im Nachhinein ziemlich bedauernswert. Dass da nicht offen drüber diskutiert und beraten wurde.
Jetzt muss ich ohne Üben mit diesen Labels jonglieren und mir die Theorie dazu alleine draufschaffen. Denn natürlich werde ich dauernd gefragt, „ob ich das alles so erlebt habe“, muss mir auch selbst immer weiter darüber klar werden, ob ich eigentlich Welt erschaffe oder Welt abbilde und was noch mal der Unterschied ist. Wer außerdem von wem dazu berechtigt wird, das eine oder andere zu tun. Ob der Autor nicht doch besser tot sei.

Wir hatten neulich während einer Programmsitzung für PROSANOVA 17 die Frage, ob es  inzwischen nicht spannender wäre, die Übersprungshandlungen vom Text zurück in das eigene Leben in den Blick zu nehmen. “Was macht mein Schreiben mit dem Leben?” anstatt das ewige “Wie biographisch ist dieser Text?”
Wie ist das bei dir? Was macht dein Schreiben mit dem Leben?

Ich hab tatsächlich auch schon erlebt, dass die Realität der Fiktion folgt, dass ich erst was schreibe und es dann im realen Leben passiert, so wie bei der Erzählerin in ‚Tony Soprano stirbt nicht‘. Das ist überhaupt ein tolles Buch zum Thema.
Bei mir war’s zum Beispiel mit ‚Glückliche Fügung‘ so – die habe ich schreibend beschworen, dann trat sie im echten Leben ein.
Bei ‚Bodentiefe Fenster‘ sind die Figuren regelrecht rausgetreten aus dem Text und haben die irrsinnigsten Dinge veranstaltet. Das würde mir niemand glauben, wenn ich das wiederum niederschreiben würde, aber ich tu’s trotzdem, denn anders krieg ich’s nicht in den Griff. Niederschreiben im Sinne von niederringen.
Ich hab die Vorstellung, dass Schriftsteller*innen was besonderes sind – einsam oder eigenartig oder mutig oder mächtig – immer für romantisch-eitlen Quatsch gehalten. Das tu ich jetzt nicht mehr, denn ich glaube, meine Beziehungen, meine Wahrnehmung sowie meine Wirkung, sind vom Schreiben doch stärker beeinflusst, als ich dachte.

Gibt es in deinen Schreibprozessen Phasen, die sich gegenseitig ablösen und bedingen? Zeiten für Recherche, Plot-Entwicklung oder Skizzen bevor es konkret an “das Schreiben” geht?

Die gibt es, aber sie wechseln so häufig, dass ‚Phasen‘ wohl das falsche Wort ist. Meine Konzepte oder Recherchen müssen sich in der konkretenTextproduktion bestätigen oder aus ihr hervorgehen, sonst driftet beides zu weit auseinander. Dann hab ich eine irre Handlung und weiß nicht, wie ich sie erzählen soll, oder ich schreibe über Seiten hinweg dasselbe, weil ich zwar grade gut erzählen kann, aber nicht weiß, was genau es ist oder wohin es geht oder wie es da, wo es hin soll, wohl aussieht.
Ich muss auch regelmäßig einen Außenblick organisieren; ich habe keinen meiner längeren Texte ohne Mitarbeit geschrieben. Zur Zeit hilft mir Daniela Plügge, eine freie Lektorin und Dramaturgin, die alles liest und mit mir spricht, mir Lektüren empfiehlt und Verlaufsideen mit mir entwickelt.

Gibt es Themen oder Interessen, die sich durch dein literarisches Arbeiten der letzten Jahre ziehen und immer wieder auftauchen?

Bestimmt. Gibt es nicht diesen Spruch, dass man sowieso immer das gleiche Buch schreibt?
‚Wie soll man leben?‘, ‚Worauf darf man hoffen?‘, ‚Woran muss man verzweifeln?‘ – das sind sie vermutlich, meine wiederkehrenden Themen und Interessen. Jeweils verbunden mit der aktuellen Lebenssituation – also eher mit Liebhabern oder Kleinkindern, dem Erwachsenwerden oder dem Altern befasst – aber im Grunde immer dieselben.
Wenn du als Symbol für dein literarisches Arbeiten ein Werkzeug wählen solltest, welches wäre das?

Spätzles-Brett. Du hast die Finger verdammt nah am kochenden Wasser, schabst und darfst weder zu schnell, noch zu langsam sein, sonst kriegen die Spätzle nicht die richtige Form. Wobei die ohnehin nicht feststeht, der eine mag sie lieber dünn, der andere dicker. Wenn die ersten Spätzle im Wasser sind, droht es ständig, überzukochen, doch davon darfst du dich auf keinen Fall beeindrucken lassen. Du musst weiterschaben und Ruhe bewahren. Oder du gießt kaltes Wasser nach, dann passiert aber erst mal überhaupt nichts mehr. Der Teig klebt und du wartest, bis wieder was brodelt. Und natürlich denkst du nebenbei, dass so eine Spätzlespresse vielleicht doch ganz praktisch wäre und die Spätzle aus der Tüte eigentlich auch ganz okay sind. Brauchst du wirklich selbstgeschabte Spätzle?

In Artikeln zu “Bodentiefe Fenster” wird eigentlich immer ausgiebig darauf hingewiesen, dass die Hauptperson Sandra und du vieles gemeinsam hätten, Mutterschaft, Prenzlauer Berg, Süddeutsche Herkunft, Wohnen in einem Gemeinschaftshaus. Langweilt dich dieser Fokus in der Rezeption?

Ich glaube, die meisten, die darauf hinweisen, denken nicht näher darüber nach, wozu ihr Hinweis eigentlich dient, sondern geben das arglos an die Leser*innen des Artikels weiter. Die können sich dann überlegen, ob es die Glaubwürdigkeit des Romans steigert, weil ich offenbar ‚weiß, wovon ich schreibe‘, ob es ihn mit Brisanz auflädt, weil ich mir das, was da steht, wohl nicht ‚ausgedacht‘ habe. Oder ob es mich im Gegenteil disqualifiziert, weil der Roman dann ja ‚nur Tagebuch‘ ist – und das kann schließlich jede*r.
Nein, es langweilt mich nicht, es beschäftigt mich, ich finde es hochinteressant. Wann und bei wem die biographische Nähe erwähnenswert erscheint. Dass immer noch oder erneut eine derartige Verwirrung besteht darüber, wo Geschichten herkommen, was noch mal Kunst ist. Was Fiktion, was Realität. Was Fakt, was Gefühl. Was Autor, was Leser, was ich und was du.

Du hast in einem Interview gesagt, du magst “keine Texte, bei denen man das Absperrband und den Sicherheitsabstand spürt.”
Kannst du festmachen, welche Merkmale eines Textes, welche Haltungen ein solches Gefühl, Absperrband und Sicherheitsabstand, bei dir auslösen?

Zum Beispiel die ‚gut gebaute Geschichte‘. So geht’s, das funktioniert, da kann mir keine*r was. Wobei ich nicht handwerkliche Fähigkeiten meine, sondern Konventionen. Auch Off-, Indie- oder ganz persönliche Konvention, nicht nur die des Marktes oder des bürgerlichen Feuilletons. Ich meine zu bemerken, wenn ein Text reinpassen will, statt sich was rauszunehmen. Ich kämpfe beim Schreiben ständig mit der Frage des Gefallens: was kann ich mir, was den potentiellen Leser*innen zumuten? Und dann ermuntere ich mich mit der Einsicht, dass mir als Leserin die Zumutungen meist besser gefallen als die sicheren Nummern.

Stichwort Spätzles-Brett: In einer Mail hast du, im Hinblick auf interessante Gesprächsthemen für ein Festivalformat “von der Überwindung der Herkunft durch raffinierte Ausbeutung derselben” vorgeschlagen. Das ist mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Was könnte das raffinierte Moment in einer “raffinierten Ausbeutung der Herkunft” sein? Welche Rolle spielt dabei die Frage, ob die Spätzle selbstgeschabt oder der Tüte entnommen sind?

Zum einen meinte ich’s ganz konkret: auf die Bestsellerliste kommen mit dem Unterschichtroman, aufs Buchmessensofa im geliehenen Jackett. Stimme, Geld und Einfluss zu kriegen, weil man was kennt, das denjenigen, die sonst Stimme, Geld und Einfluss haben, fremd ist. Ist aber tückisch, weil zu sehr davon abhängig, interessant gefunden und vorgelassen zu werden. Kann auch ganz schnell wieder vorbei sein, und man war nur kurz der Pausenclown und hat vor Aufregung vergessen, Geld und Einfluss sicher anzulegen.
Aufs Schreiben bezogen meinte ich mit raffiniert nicht clever-durchtrieben, sondern durch Verfahren veredelt. Dass man die Herkunft nicht als Bürde, sondern als Schatz begreift, rausfindet, was genau sie ausmacht, zu was sie einen speziell befähigt. Überwindung ist dann auch nicht Aufstieg im gesellschaftlichen Sinne, sondern Umdeutung, Liebgewinnen, Souveränwerden. Miranda July und Harrell Fletcher haben dazu mal einen Haufen Übungen ins Netz gestellt, zum Beispiel, sich einen Strampelanzug, den man als Säugling trug, in Erwachsenengröße nachzunähen und darin herumzulaufen.
Selbstgeschabt heißt, es wirklich zu tun. Den eigenen Anzug identifizieren, nachnähen (oder kleben oder tackern), anziehen, sich zeigen. Nicht auf die Jumpsuits von ‚Urban Outfitters‘ ausweichen – obwohl man dort die Tüte immerhin noch umsonst bekommt.

Neben deinem neuen Roman “Fürsorge” erscheint in diesem Frühjahr mit “Erna und die drei Wahrheiten” dein erstes Kinderbuch. Empfindest du “Kinderbuch” für dich als ein eigenes Genre innerhalb der Prosa, das grundsätzlich anders funktioniert, anders funktionieren sollte als zum Beispiel ein Roman?

Nein. Kinder lesen und mögen, genau wie Erwachsene, verschiedene Genres oder gar keine, stehen auf Fantasy oder Realismus, bestimmte Autor*innen und deren Erzählweisen, auf einzelne Texte. Ich verstehe den Gedankengang, dass sie eine homogene Zielgruppe seien, die mit einer bestimmten Textsorte versorgt werden muss, überhaupt nicht. Ich selbst habe als Kind genau wie jetzt extrem identifikatorisch gelesen und mochte und mag deshalb Bücher, in denen die Figuren zum Beispiel ähnlich alt sind wie ich oder mit was beschäftigt, das mich auch gerade bewegt. Deshalb ist ‚Erna‘ ein Kinderbuch: weil die Erzählerin elf Jahre alt ist. Ansonsten ist es erzählende Prosa genau wie meine anderen Bücher und auch genau so entstanden. Ich fand die Diskussionen im Lektorat, was ‚kindgerecht‘ sei, sehr ermüdend. Welches Kind nimmt man da als Maßstab? Ich als Autorin muss entscheiden, ob mir verständlich und vertretbar erscheint, was ich schreibe; mit einer angenommenen Leser*innenschaft als Zensorin gerate ich in Teufels Küche. Es gibt gewiss auch unendlich viele Erwachsene, die nicht verstehen oder befremdet sind von dem, was ich ‚für Erwachsene‘ schreibe – und das soll so sein, wo kämen wir sonst hin? Einige meiner Lieblingstexte sind als Kinderliteratur erschienen, etwa von Jürg Schubiger, Guus Kuijer, Meg Rosoff, Fanny Hedenius. Hätte ich die als Genre begriffen und außer Acht gelassen, weil ich ja schließlich erwachsen bin, wäre das äußerst schade gewesen.