/ Textprobe

 

Der Giftzwerg

Er ist gar nicht so klein.
Es gibt eine Menge Frauen, die kleiner sind als er, und darauf kommt es doch an: dass er problemlos eine findet, die er ein wenig überragt.
Ich für meinen Teil bin größer als er, aber das ist nicht der Grund, warum er mich hasst.
So viel größer bin gar nicht; in der Öffentlichkeit würde es nicht auffallen, niemand würde sich nach uns umdrehen und denken: Wow, die Liebe muss stark sein, wenn sie sich derart den Konventionen widersetzt. Es muss andere Gründe geben, aber welche, das weiß ich nicht. Er mag zum Beispiel nicht, wenn ich ihn ansehe. Also vermeide ich es, so gut es geht, aber das hilft nicht. Dass ich ihn nicht kränken will, kränkt ihn nur noch mehr.sessel-lampe
Er hat alles, könnte man meinen, einen Job, eine Freundin, Hobbys, den Hof. Kinder nicht, nein, vielleicht ist es das, vielleicht ist er unfruchtbar. Stopp, nein, zeugungsunfähig muss es heißen beim Mann. Vielleicht ist er kein Mann.
Aber er hat Macht. Nicht nur, weil er die Finanzen verwaltet – bei uns hat jeder Macht, bei uns zählt jede einzelne Stimme. Wir sind ein Kollektivbetrieb, es gibt keine Hierarchie. Jeder nach seinen Möglichkeiten, und Platz ist auch genug da. Waren Sie mal bei uns draußen?
Ein Traum ist das, ein alter Vierseithof. Lange wurde hier nicht mehr gewirtschaftet, jetzt bewirtschaften wir ihn gemeinsam. Der Hof war billig, weil’s durchs Dach regnet. Wir haben das Dach repariert, und dass er nicht dabei war, liegt nicht daran, dass er so klein ist. Er hätte schon raufgereicht, aber er arbeitet lieber mit dem Kopf, sagt er von sich.
Ich bin gut mit den Händen. Was ich anfasse, wird so, dass die Leute in der Stadt es kaufen wollen: Gemüse, Strickwaren, Marmelade. Ich kann aus zwei Blumen einen Strauß arrangieren, der die Begehrlichkeit weckt, in ein Berliner Wohnzimmer auf die Teakholz-Kommode gestellt zu werden. Weil sich mit ihm dann ein Gesamtbild ergibt, das zugleich von Geschmack und Bodenständigkeit handelt.
Er hasst das. Er pisst auf meine Blumen, aber wenn danach statt Rosen nur noch Brennnesseln wachsen, koche ich daraus einen Sud gegen Blattläuse, der geht auch weg für acht Euro fünfzig die Flasche. Meine Älteste gestaltet Etiketten dafür.
Im Alltag kommt sein Hass auf mich nicht wirklich zum Tragen. Wir essen oft gemeinsam, doch der Tisch in der Küche ist lang. Ich sitze oben an der Stirnseite, weil oft ich es bin, die kocht und deshalb zwischendurch mal aufspringen muss. Er hat seinen Platz am unteren Ende, umgeben von Leuten, die er besser aushält als mich. Wie die sind? Darüber habe ich nachgedacht und sie beobachtet. Vielleicht kann ich mir was abschauen, um seine Wut auf mich zu mildern. Sie füllen ihm den Teller, doch das tue ich im Grunde auch. Sie sehen ihn an, reden mit ihm und lachen. Ich bin bis heute nicht hinter das Geheimnis gekommen.
Einmal haben wir uns bei der Scheune getroffen. Da gibt es einen Wasserhahn, und wir brauchten beide Wasser. Ich kam mit der Gießkanne, er mit einem Komposteimer, den er ausspülen wollte, und ich sagte: „Bitte, du zuerst.“
„Fick dich selbst“, hat er gesagt, „ich warte.“
Okay, hab ich gedacht, es stimmt: Dort zu stehen, seinen Blick im Rücken bis die Kanne voll ist, das ist unangenehm. Vermutlich hat er das gefürchtet: dass ich ihm zusehen kann, wie er die Fruchtfliegenlarven, die am Rand des Komposteimers kleben, mit dem Wasserstrahl nicht wegbekommt. Jede Handlung birgt das Risiko, schiefzugehen, jeder von uns wäre lieber allein an der Scheune gewesen, und wer zuerst dran war, war schneller wieder weg. Vielleicht war das die selbstsüchtige Absicht hinter meinem Angebot, ihm den Vortritt zu lassen, das und nicht Freundlich- oder Höflichkeit, wer weiß.
„Stimmt“, sagte ich also, „du hast recht, ich mach zuerst.“waeschestaender
Ich hielt die Kanne unters Wasser. Der Strahl traf hart ins Innere, und der Bauch der Kanne verstärkte das Geräusch.
„Hört sich an, wie wenn du brunzt“, sagte er und spuckte aus.
Da kam mir der Gedanke mit der Zeugungsunfähigkeit.
Ich mag nicht über seinen Penis nachdenken. Doch er zeigt ihn mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Wie gesagt, er pinkelt gern in meine Rosen. Die Sträucher stehen rechts und links von meinem Zimmerfenster, rahmen es förmlich ein. Da steht er und entleert sich, und wenn ich hinsehe, zeigt er mir noch zusätzlich den Finger, aber wenn ich nicht hinsehe, ist es ihm auch wieder nicht recht. Dann drischt er von außen gegen meine Scheibe; „Hallo, hallo“, ruft er, „niemand daheim?“
Also denke ich, er will mir was beweisen. Sein Penis ist normal, soweit ich das beurteilen kann.
Es ist nicht leicht, in unserem Kreis eine Hilfe zu finden.
„Ignorier ihn“, sagt Hanni, meine Freundin hier auf dem Hof.
Und Hermann, der mein Gefährte und der Vater unserer Kinder ist, brummt, wann immer ich ihn danach frage. Hermann wiegt satte hundert Kilo und ist knapp zwei Meter groß. Hermann sagt, das Innere der Menschen langweile ihn und über ihr Äußeres denke er nicht nach. Hermann sagt, dieser Giftzwerg soll ruhig kriegen, was er begehrt.
Aber was begehrt er?
Ich würde es ihm geben. Ich bin bereit, bis zum Äußersten zu gehn.
Auf einer gruppendynamischen Veranstaltung, zu der wir einen Experten eingeladen hatten, einen Referenten zu gewaltfreier Kommunikation, bin ich extra mit ihm in eine Kleingruppe gegangen. Wir hatten Puppen, einen Wolf für die gewalt- und eine Giraffe für die friedvolle Art, miteinander zu reden. „Was ist denn das Thema?“, fragte ich, als wir zu viert im Geräteschuppen zusammensaßen, und schon hielt Gesine den Wolf hoch und meinte, meine Art zu fragen sei äußerst aggressiv. Gesine ist eine, die am unteren Ende des Tisches sitzt. Er fixierte mich, und ich blieb still. Wir sprachen gar nicht, bis der Experte dazukam.
„Na, wie läuft es hier?“, wollte der Experte wissen.
„Wir wissen nicht, worüber wir reden sollen“, sagte Christian.
„Über das Wetter“, meinte der Experte, „das Thema ist egal.“
„Das sehen einige in der Gruppe hier anders“, sagte der Zwerg.
Der Experte hielt den Wolf hoch. „Sprich von dir“, sagte er, „was siehst du anders?“
„Ich seh gar nichts, mir ist das egal.“
„Was meintest du dann mit deinem Einwurf?“
„Dass es Leute gibt, die ständig das Maul aufreißen müssen.“
Der Experte wackelte mit dem Wolf und lächelte mild. „Hast du gehört, was du gesagt hast? Das war ein allgemeiner Vorwurf, nur unterschwellig adressiert und recht derb formuliert. Versuch’s noch einmal.“staubsauger
„Es ist sinnlos.“
„Ich sehe keinen Sinn darin“, soufflierte der Experte.
„Ich sehe keinen Sinn darin“, wiederholte der Zwerg.
„Gut. Was macht das denn mit dir, was erzeugt das für Gefühle?“
„Bin ich jetzt hier das Beispiel?“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Ja sicher, warum nicht?“ Der Experte wartete geduldig.
Ich spürte die Anspannung und versuchte, nicht mehr da zu sein. Es war klar, dass das Ganze nach hinten losgehen würde, denn der Experte war lediglich für diesen Nachmittag gebucht. All die Gefühle, über die der Zwerg jetzt nicht reden würde, würde hinterher ich in irgendeiner Weise abbekommen, ohne sie vorher gehört oder verstanden zu haben. Ich hatte sie zwar nicht erzeugt, hatte den Experten nicht gebucht und die Veranstaltung nicht angeregt, doch ich war Zeugin, ich saß dabei. Und sah zu, wie der Zwerg es nicht konnte.
„Gesine und Christian haben auch dabei zugesehen, nicht?“ Hermann brummt unwillig, als ich ihm davon erzähle. Er könnte den Zwerg mit einem Schlag erledigen, und manchmal, ja, da wünsche ich mir, dass er es tut. Doch Hermann ist friedlich und gleichmütig. Hermann hat mir nur diesen Namen für ihn geschenkt: der Giftzwerg. Ein galliges, garstiges, geltungsbedürftiges Wesen, das sein Unwesen treibt, immerzu. Der Name hilft mir, ihn besser zu ertragen. Mit den richtigen Namen hält man sich das Grauen vom Leib.